11. Forum Diakoniewissenschaft am 7. November 2014

Öffnung der Diakonie

Vorträge, Diskussionen und Arbeitsgruppen zum Thema Arbeitsrecht

Bielefeld. Ein brisantes Thema lockte mehr als 130 Wissenschaftler und Fachleute aus ganz Deutschland zum 11. Forum Diakoniewissenschaft nach Bethel. Unter dem Titel „Der diakonische Identitätssalat“ - Aktuelle Diskurse um das Arbeitsrecht“ gab es Vorträge, Diskussionen und Arbeitsgruppen.

„Der kirchliche Auftrag rechtfertigt ein besonderes Arbeitsrecht“, betonte Rechtsanwalt Ingo Dreyer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes diakonischer Dienstgeber in Deutschland. In seinem Vortrag beschrieb er die arbeitsrechtlichen Perspektiven von diakonischen Einrichtungen und ihren Mitarbeitenden. Seiner Aussage nach sei der Dritte Weg ein Alleinstellungsmerkmal, gleichwohl gebe es Reformbedarf. Dreyer: „Wir investieren zurzeit sehr viel Energie, um die Strukturen zu verteidigen statt uns mit dem diakonischen Auftrag auseinanderzusetzen.“ Außerdem kritisierte er die formelle Kirchenmitgliedschaft als Voraussetzung für ein Beschäftigungsverhältnis. Stattdessen empfahl er zur Erfüllung des diakonischen Auftrags eine Öffnung der Diakonie. Dazu müssten gemeinsam mit der Kirche die normativen Grundlagen der Diakonie geklärt werden, um sich den Herausforderungen in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft wie die der Bundesrepublik zu stellen.

von links: Prof. Dr. Rolf G. Heinze (Universität Bochum), Prof. Dr. Dierk Starnitzke (Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof), Professor Dr. Matthias Benad (IDM-Direktor und Rektor der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel), Rechtsanwalt Ingo Dreyer (Hauptgeschäftsführer des Verbandes diakonischer Dienstgeber in Deutschland) und Prof. Dr. Beate Hofmann (IDM) beim 11. Forum Diakoniewissenschaft in Bielefeld - Foto © Alexander Kröger (AKPR, Bünde)

 

Pfarrer Dr. Dierk Starnitzke, außerplanmäßiger Professor am IDM, der gleichzeitig Vorstandssprecher der Diakonischen Stiftung Wittekindshof ist, plädierte aus theologischen Gründen für eine Öffnung diakonischer Arbeit unter dem zentralen Gedanken der Inklusion. „Das universale Hilfeethos des Christentums führt in der Diakonie dazu, jeden zu unterstützen, der diese Hilfe wünscht – unabhängig von seiner religiösen Überzeugung oder Weltanschauung. Um dies leisten zu können, benötigt man neben Kirchenmitgliedern auch Mitarbeitende mit anderen (Glaubens-)Überzeugungen. Die diakonischen Organisationen dürfen dabei jedoch ihre christliche Identität nicht preisgeben, sondern müssen sie als Unternehmen klar definieren und ihren Mitarbeitenden verbindlich vermitteln.“

Professor Dr. Rolf G. Heinze von der Universität Bochum warf in seinem Vortrage eine kritische Außensicht auf die aktuelle Positionierung der Diakonie. „Das Zusammenwirken von Staat und Wohlfahrtsverbänden hat in den vergangenen Jahren Legitimationsverluste erlitten und auch an Glaubwürdigkeit eingebüßt“, sagte der Soziologe. Derzeit würden Wohlfahrtsverbände unter einem „Rechtfertigungsdruck“ stehen, wie auch andere große Organisationen von Vertrauensverlusten betroffen seien. Seiner Meinung nach sei trotzdem eine Auflösung des „Wohlfahrtskorporatismus“ nicht festzustellen. Gleichwohl gebe es eine Auflockerung und Restrukturierung in Richtung „Wohlfahrtsmix“. Heinze: „Die Diakonie könnte wieder stärker die Rolle als Promotor für Innovationen auf Sozialmärkten übernehmen, wenn sie sich den neuen Herausforderungen öffnet.“

Nach den intensiv diskutierten Hauptvorträgen setzte sich der fachlich fundierte Meinungsaustausch in vier Arbeitsgruppen fort. Pfarrerin Dr. Katharina Kleine Vennekate vom Institut für Diakoniewissenschaft stellte ihre Forschungsergebnisse zu „´Dienstgemeinschaft´ als Identitätskonzept?“ vor. Dr. Jörg Antoine, Vorstand Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V., und Annette Klausing, Gewerkschaftssekretärin vom ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen, beschrieben den „niedersächsischen Weg“. Professorin Dr. Renate Oxenknecht-Witzsch von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zeigte die „Katholische Perspektiven“ auf und Landeskirchenrat Henning Juhl von der Evangelische Kirche von Westfalen thematisierte gemeinsam mit Klaus Riedel vom Verband kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Rheinland-Westfalen-Lippe den „Dritter Weg in der Bewährung“.

Der Veranstalter, das Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement (IDM) in Bethel, will mit dem 11. Forum die Diskussion über die zukünftige Positionierung diakonischer Arbeit in der modernen, sich verändernden Gesellschaft anstoßen. „Das Thema ist bislang tabuisiert und wurde öffentlich so noch nicht diskutiert“, sagte Professor Dr. Matthias Benad, IDM-Direktor und Rektor der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

Fotos: Alexander Kröger (AKPR, Bünde)

Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement

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