9. Forum Diakoniewissenschaft am 9. November 2012

„Innovationen: das Alte und das Neue denken“ - Überzeugungen, Haltungen und Entscheidungen in der Führung

Mehr als 100 hochrangige Führungskräfte aus Kirche und Diakonie erlebten eine mit führenden Fachleuten besetzte Podiumsdiskussion:

„Diakonie: Innovationen nicht um jeden Preis"

Bielefeld. Diakoniemanager sind offen für Innovationen, aber nicht zu jedem Preis. Das ist das Signal, das vom „Forum Diakoniewissenschaft" ausgeht. Mehr als 100 Führungs- und Nachwuchskräfte aus Deutschland diskutierten am Freitag, 9. November 2012, in Bethel über das Thema „Innovationen - das Alte und das Neue denken". Veranstalter der Fachtagung war das Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement (IDM).

Manche Zuhörer zuckten zusammen, als Ulrich Steger in seinem Hauptvortrag an die Diskussion um Pflegeroboter erinnerte. Der Professor von der Business School Lausanne bezog zwar keine Stellung zum Für oder Wider eines Pflegeroboters, aber mahnte: „Wenn man Werte in eine Innovation einbringen will, muss man selbst eine Innovationskompetenz entwickeln."

Unter innovatives Handeln verstehen viele etwas anderes. „Angesichts der Inflation des Begriffes ist darauf hinzuweisen, dass Innovationen etwas grundlegend Neues darstellen", betonte Steger. Seiner Aussage nach sei beispielsweise die Diakonie eines der größten Innovationen des 19. Jahrhunderts gewesen. Zur Diakonie der Gegenwart sagte er: „Die meisten Einrichtungen haben auf den wirtschaftlichen Druck der letzten Jahre eher defensiv mit Kosteneinsparungen reagiert."

Zwar gebe es auch andere Beispiele, aber keinen systematischen Prozess, die Ergebnisse und Erfahrungen auszuwerten zu übertragen. Steger: „Große Fragen, die das Prädikat Innovation zu Recht tragen würden - etwa Robotereinsatz und ´intelligente´ Wohnungen in der Pflege - werden nicht systematisch angegangen." Resümierend empfahl der ehemalige hessische Staatsminister, der auch Mitglied des VW-Markenvorstandes war: „Innovationen neu zu denken, kann daher nur ein erster  Schritt sein, man muss mit Innovationen auch in der Diakonie beginnen."

Sabine Korb-Chrosch aus Hamburg, Kaufmännischer Vorstand der Stiftung „Das Rauhe Haus", widersprach teilweise ihrem Vorredner. „Im nächsten Jahr feiert das Rauhe Haus seinen 180-jährigen Stiftungsgeburtstag. Wie hätten diakonische Organisationen einen so langen Zeitraum bestehen können, wenn sie nicht innovativ gewesen wären?", fragte rhetorisch die Chefin von knapp 1000 Mitarbeitenden. Ihrer Erfahrung nach würden diakonische Einrichtungen stets mit Veränderungen und Konzepten auf immer wieder neue gesellschaftliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen reagieren. Außerdem gab sie zu bedenken, dass nicht jede Innovation sinnvoll sei. „Wir erfinden nicht Roboter, wir befähigen Menschen in dieser Welt einen Platz zu finden", sagte die Diakoniemangerin.

„Der Wettbewerb zwischen den Dienstleistern um die anspruchsvolleren Kunden wird immer mehr zu einem Innovationswettbewerb", berichtete Dr. Markus Horneber aus Frankfurt am Main.

Der Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Agaplesion AG, bei der mehr als 17.500 Mitarbeitende unter anderem in 29 Krankenhäusern und 31 Wohn- und Pflegeeinrichtungen beschäftigt sind, warb für ein Forschungs- und Entwicklungsmanagement als Grundlage für Innovationen. Als konkrete Beispiele nannte er die iPad-Nutzung von Senioren, den Getränke bringenden Serviceroboter Care-o-bot III vom Stuttgarter Fraunhofer Institut und die bereits im Einsatz befindliche Anti-Dekubitus-Matratze gegen das Wundliegen. Horneber: „Vielleicht sind wir schon weiter im Neuen Denken, vielleicht sind wir schon weiter mit Innovationen als wir denken."

„Innovation ist der Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit", erklärte Professor Udo Krolzik, Direktor des Bielefelder Instituts für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement (IDM). Gleichzeitig gab er zu bedenken, dass „soziale Innovationen" keine Rolle zu spielen scheinen. Doch auch sie müssten entwickelt werden.

Das IDM ist Teil der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel und organisiert seit neun Jahren das Forum Diakoniewissenschaft. Das Forum führt Führungspersönlichkeiten aus den diakonischen Unternehmen und der Verbandsdiakonie zusammen und erörtert in Vorträgen und Symposien diakoniepolitische Führungsfragen der Zukunft. Am Standort in Bielefeld bildet das IDM Manager für die diakonische Arbeit aus und  forscht im Bereich der Diakoniewissenschaft.

»Vortrag von Herrn Prof. Dr. Ulrich Steger

»Kommentar von Frau Sabine Korb-Chrosch

»Kommentar von Herrn Dr. Markus Horneber

Fotos: Alexander Kröger (AKPR, Bünde)

Weltweit erstmals wurde der Doktorgrad „Dr. diac. (diaconiae)" verliehen

Bielefeld. Joerg Schneider und Burkhard Meyer-Najda sind Doktoren der Diakoniewissenschaft. Sie erhielten ihre Promotionsurkunden am Freitag, 9. November 2012, während der Fachtagung „9. Forum Diakoniewissenschaft".

Freude nach Übergabe der ersten Promotionsurkunden

v.l.n.r.: Prof. Dr. Udo Krolzik, Dr. Joerg Schneider, Dr. Burkhard-Najda, Prof. Dr. Martin Büscher, Prof. Dr. Matthias Benad

 

Seit 2008 waren Schneider und Meyer-Najda nebenberuflich Doktoranden am Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement (IDM) in Bielefeld; das IDM ist Teil der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Nach Institutsangaben erhielten die beiden weltweit als Erste den offiziell anerkannten akademischen Doktorgrad „Dr. diac. (diaconiae)".

Die Dissertation von Diplom-Psychologe Joerg Schneider aus Esslingen in Baden-Württemberg trägt den Titel „Was Leitung gut macht - Eine empirische Studie zur Qualifikation und Qualifizierung diakonischer Führungskräfte". Betreuer und Gutachter der Arbeit waren Professor Hans-Stephan Haas (Hamburg), Professor Fred Becker (Universität Bielefeld) und Professor Martin Büscher (IDM).

Die Kernthese seiner Arbeit lautet, dass die Angebote der Qualifizierung von Führungskräften nicht den Bedarfen der diakonischen Führungspraxis entsprechen. „Die Stärke der Arbeit liegt in der methodisch umfassenden und systematischen empirischen Erhebung der Einschätzungen von  Führungsqualifikationen", sagte Professor Büscher. Auf Basis dieser Arbeit sei die Notwendigkeit der Ausbildung persönlichkeitsorientierter, kommunikativer und werteprägender Kompetenzen für Führungskräfte der Diakonie nachgewiesen, ergänzte der Hochschullehrer.

Die Dissertation von Pfarrer Burkhard Meyer-Najda aus Uchte in Niedersachsen trägt den Titel „Diakonische Corporate Governance als  unternehmenstheologische Gestaltungsaufgabe - Grundlagen, Kriterien und Durchführung von Unternehmensaufsicht in Einrichtungen der Diakonie." Betreuer und Gutachter der Arbeit waren Professor Büscher und IDM-Institutsdirektor Professor Udo Krolzik.

Meyer-Najda entwickelte Anforderungsprofile an theologisch begründete Corporate Governance: ganzheitliches Denken in einem für Spiritualität offenen System, Interdisziplinarität, durch dynamisches Denken gestaltete  Organisationsstruktur.

„Ihm ist die Verschränkung theologischer und managementtheoretischer Dimensionen vorbildlich gelungen", urteilte Professor Büscher.

Das IDM in Bielefeld bildet Manager für die diakonische Arbeit aus und forscht im Bereich der Diakoniewissenschaft. Zurzeit sind 36 Masterstudierende sowie 28 Doktoranden eingeschrieben.

Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement

Bethelweg 8 • 33617 Bielefeld • Tel. 0521 144-3948 • E-Mail